Der Zettel ist da, aber die Hand greift trotzdem daneben
Im Garderobenraum ist es still, nur Kleiderbügel klacken. Ich soll für morgen Kostüme sortieren, jedes Teil hängt mit Namensschild. Die Regie ruft einen bestimmten Namen, und ich greife schon wieder nach den falschen Schuhen.
Der Raum steht für einen Textschreiber, der aus vielen kurzen, erfundenen Steckbriefen lernt. Jede Person hat einen Namen und mehrere Fakten, aber die Sätze sind jedes Mal anders gebaut und durcheinander. Klappt nur, wenn der Name wirklich zu den passenden Fakten führt.
Am Anfang werde ich gut im Einfachen. Ich merke mir, was meistens passt, dunkle Schuhe, schlichte Jacken. So wirkt es, als würde ich besser werden, aber ich treffe noch nicht die Sachen, die genau zu dieser einen Person gehören.
Dann bleibt es lange zäh. Ich behandle alle wie austauschbar und nehme das Häufigste, obwohl das Namensschild direkt vor mir hängt. Bei vielen Leuten passiert das länger, weil jeder Name seltener dran ist. Namensschild gleich Name, Schubladen gleich gespeicherte Fakten, mein Blick gleich Fokus. Merksatz: Erst wenn der Blick vom Fakt zurück zum Namen springt, sitzen die Zuordnungen.
Was sich ändert, ist kein neuer Fakt, sondern eine neue Gewohnheit. Kurz bevor ich den ersten Buchstaben eines Orts oder Arbeitgebers sage, schaue ich endlich auf den Namen. Wenn man von Anfang an diesen späteren Blick-Trick erzwingt, geht es viel schneller. Erzwingt man den frühen, schlechten Blick, wird es sogar schlimmer.
Auch der Probenplan zählt. Wenn am Anfang alle gleich selten auftauchen, lerne ich das Nachschauen nur langsam. Wenn ein paar öfter drankommen, übe ich die Routine und kann später auf alle ausweiten. Ist es zu einseitig, kann ich die wenigen gut und den Rest schlecht. Erst kleiner Cast, dann alle, hilft oft.
Und dann der Haken. Kommt ein neuer Mensch ohne Schild dazu, gebe ich nicht zu, dass ich es nicht weiß, ich drücke selbstsicher ein Kostüm in die Hand, das zu jemand anderem gehört. Und wenn nächste Saison ein ganz neues Stück kommt, verschwinden alte Zuordnungen schnell, wenn ich sie nicht weiter übe. Da merkt man, es gibt zwei Teile: die gespeicherten Zuordnungen und die gelernte Blickrichtung.